Evaluation des BYOD-Pilotprojektes an der KSA

Zu Beginn des Schuljahres 2016/17 ist an der Kantonsschule Alpenquai Luzern das Pilotprojekt «Bring Your Own Device» (BYOD) mit drei vierten Klassen angelaufen.

Um eine kritische Analyse darüber zu erhalten, inwieweit die im Rahmen des BYOD-Pilotversuchs angestrebten Ziele erreicht wurden, wurde das BYOD-Pilotprojekt im Januar 2017 durch das QSE-Team der Schule evaluiert. Um die Bedürfnisse aller Anspruchsgruppen zu berücksichtigen, wurden neben den Lernenden und den Lehrpersonen auch die Eltern in die Evaluation einbezogen. An der Online-Befragung nahmen 67 Schüler/-innen (98.53 %), 41 Eltern (60.29 %) und 17 (94.4 %) Lehrpersonen teil.

Neben der Beurteilung der Endgeräte, der technischen Ausstattung der Schule, der Organisation der angebotenen Weiterbildungen und des Supports, der Häufigkeit des Einsatzes von Geräten im Unterricht interessierte vor allem die Art der Nutzung, welche Art der Kompetenzen bei den Lernenden durch den Einsatz von Endgeräten gefördert wurden sowie die Auswirkungen des BYOD-Unterrichtes auf das Lernklima in der Klasse.

Aus Sicht der durchgeführten Evaluation konnten viele Projektziele aus dem Projektkonzept schon zum jetzigen Zeitpunkt gut erreicht werden. In einigen Bereichen gibt es noch Entwicklungspotential. Zusammenfassend kann man Folgendes feststellen:

  • Die Infrastruktur an der Schule wird grundsätzlich als gut bis sehr gut beurteilt; in einzelnen Bereichen lässt sich Verbesserungspotential orten.
    Wünschenswert erschien den Befragten ein Ausbau des Supports und dessen Anpassung an die Anforderungen eines komplexen BYOD-Projekts. Damit dieses Angebot auch genutzt wird, sollte man sowohl die Lehrpersonen, als auch die Schüler/-innen und ihre Eltern über das bestehende Angebot informieren. So muss z.B. Schülerinnen und Schülern sowie Eltern offenbar klarer kommuniziert werden, wie die Abläufe und Zuständigkeiten bei Problemen sind, dass «After-Sales-Support» beispielsweise Sache des Lieferanten ist, nicht der Schule.

  • Die am Projekt beteiligten Schüler/-innen und die Lehrpersonen sind mit der Wahl und mit der Spezifikation ihres persönlichen Gerätes zufrieden und nutzen ihre Endgeräte im schulischen Alltag regelmässig.

  • Die Schüler/-innen und die Lehrpersonen konnten durch das BYOD-Projekt ihre digitale Kompetenz ganz allgemein erhöhen. Innert eines Semesters haben die Schüler/-innen eine Benutzerkompetenz aufgebaut, die ihnen erlaubt, die Geräte in Standardszenarien ohne zusätzlichen Zeitaufwand einsetzen zu können.

  • Die Frage nach den Auswirkungen des BYOD-Projektes auf das Lernklima konnte mit Hilfe der vorliegenden Evaluation nicht eindeutig beantwortet werden.
    Übereinstimmend deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Schüler/-innen im BYOD-Unterricht tendenziell unaufmerksamer sind. Ursächlich hierfür dürften die beschriebenen Ablenkungsmöglichkeiten sein, die beim Einsatz der Geräte entstehen und sowohl von den Lehrpersonen, als auch von den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern geschildert wurden. Es stellt sich die Frage, ob für die Verwendung der mobilen Endgeräte im Unterricht eine Aushandlung verbindlicher Regeln nötig ist.

  • Der Aufwand für die Entwicklung neuer Unterrichtsszenarien und die Einarbeitung in neue Software ist nach Meinung der Lehrpersonen in einem günstigen Verhältnis zum didaktischen Gewinn.
    Das Ziel des Projektes - die Schüler/-innen und Lehrpersonen erfahren die Arbeit mit dem Gerät im Unterricht als sinnvoll, und stellen dabei gegenüber der herkömmlichen Arbeitsweise wenige Nachteile und signifikante Vorteile fest - konnte aus der Sicht der Evaluation dennoch nur teilweise erreicht werden. Zwar sehen sowohl die Lernenden als auch die Lehrpersonen den Nutzen des Einsatzes digitaler Medien im Unterricht, dieser reicht offensichtlich nicht, um die Geräte weitgehend sinnvoll als Lehr- und Lernwerkzeug einzusetzen. Die Evaluation zeigte, dass die mobilen Geräte im Unterricht im Moment eher nur in einem eingeschränkten Spektrum (OneNote-Notizhefte, Präsentation, Textverarbeitung, Internetrecherchen...) genutzt bzw. eingesetzt werden.
    Um das Ziel zu erreichen, sind nach Meinung der Lehrpersonen weitere Weiterbildungen, Beratung und Zeitressourcen wichtig. Denn Veränderungen in der Unterrichtspraxis brauchen Zeit und sind langfristig ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen, wie funktionsfähige Technik, Weiterbildungen, Austausch, und letztendlich Zeit und Freiräume, in denen experimentiert werden kann, nur schwer möglich.

  • Die Eltern stellen keine gravierenden negativen Effekte durch den Einsatz der Geräte fest und unterstützen die Fortführung des Einsatzes von Endgeräten bei ihren Kindern.

Insbesondere wird ein Ausweiten des BYOD-Projektes auf möglichst viele Fächer verlangt.

Das BYOD-Pilotprojekt wurde an der KSA abhängig von den jeweiligen beteiligten Lehrpersonen in deren Fächern erprobt. Viele wertvolle Erkenntnisse konnten gewonnen werden, vieles konnte erreicht werden. Vor einer flächendeckenden Einführung sollen aber noch weitere Erfahrungen gesammelt werden, auch eine vertiefte pädagogisch-didaktische Diskussion im Kollegium soll geführt werden.

Die Evaluationsergebnisse werden dem Kollegium zugänglich gemacht. Schüler/-innen sowie Eltern der Versuchsklassen werden summarisch über die Ergebnisse informiert.

 

Kommentar aus der Sicht der Projektleitung

Im Unterschied zu vielen anderen BYOD-Projekten an Schulen, bei denen persönliche Computer im Unterricht sporadisch für bestimmte Zwecke eingesetzt werden, ist das BYOD-Projekt der Kantonsschule Alpenquai darauf ausgerichtet, Computer als alltägliches Arbeitsinstrument systematisch im Unterricht einzusetzen. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Schulhefte elektronisch zu führen und Unterrichtunterlagen in verschiedenen Formaten (Text/Notizen, Audio, Video, Links) geordnet abzulegen

Für ein solches Szenario müssen bestimmte technische Voraussetzungen gegeben sein:

  • Die Schule muss über ein WLAN mit genügend Bandbreite und eine datenschutzkonforme Cloud-Lösung verfügen, damit Daten schnell und sicher ausgetauscht werden können und interaktive Szenarien möglich sind.

  • Es braucht eine Kollaborationsplattform, die von allen beteiligten Lehrpersonen verwendet wird. (Im Fall der Kantonsschule Alpenquai OneNote-Kursnotizbuch in Kombination mit Office 365)

  • Die Geräte müssen (zusätzlich zur Tastatur) eine handschriftliche Eingabe erlauben, damit auch in Fächern bequem Heftnotizen gemacht werden, in denen häufig Symbole oder Skizzen verwendet werden, wie in der Mathematik. Der Eingabestift erlaubt ausserdem das Annotieren und Bearbeiten von Texten, Websites, Fotografien etc.

  • Die Geräte ermöglichen Video- und Tonaufnahmen auf einfache Art und Weise.

  • Die Geräte müssen am Arbeitsplatz im Schulzimmer so platziert werden können, dass nicht eine unangenehme Arbeitsatmosphäre entsteht. (Die Schüler/-innen verschanzen sich nicht hinter grossen Bildschirmen.)

  • Die Geräte müssen über eine genügend lange Akku-Laufzeit verfügen, so dass sie in der Regel nur einmal im Tag aufgeladen werden müssen und im Schulzimmer kein Kabelsalat entsteht.

Sind diese Voraussetzungen gegeben, bestehen trotzdem noch Risiken, deren Eintreten nur im praktischen Alltagseinsatz abgeschätzt werden kann. Dazu gehören:

  • Können Probleme im Zusammenhang mit der Bedienung der Geräte und der Applikationen jeweils innert nützlicher Frist behoben werden?

  • Kann die nötige Dichte des Einsatzes der Geräte erreicht werden, so dass es die Schüler/-innen als sinnvoll empfinden, die Geräte täglich mit in den Unterricht zu nehmen?

  • Ist für die Lehrpersonen der Aufwand, neue Unterrichtsszenarien zu entwickeln und sich in neue Software einzuarbeiten in einem günstigen Verhältnis zum didaktischen Gewinn?

  • Treten keine negativen Auswirkungen auf das Lernklima in den Klassen auf?

  • Wird das Projekt von den Eltern genügend unterstützt?

  • Sehen die Projektbeteiligten insgesamt einen Gewinn durch den Einsatz der Geräte?

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass auf technischer Ebene keine unüberwindlichen Probleme aufgetreten sind. Gemäss Selbsteinschätzung der Schüler/-innen konnte auch innert nützlicher Frist eine ausreichende Versiertheit im Umgang mit dem Gerät erlangt werden. Aus Sicht der Projektleitung werden jedoch in dieser Selbsteinschätzung die Möglichkeiten der Geräte und Applikationen noch unterschätzt. Insbesondere werden die Möglichkeiten und Vorteile des Einsatzes des Stifts noch viel zu wenig genutzt. Es wäre für die Unterrichtsatmosphäre förderlich, wenn die Geräte noch vermehrt im Tablet-Modus verwendet würden, d.h., flach auf dem Tisch liegend. Auf Seiten der Lehrpersonen wurden interaktive Szenarien erst ansatzweise eingesetzt. Hier liegt noch viel Potenzial.

Nichtsdestotrotz ist es bereits innert eines halben Jahres gelungen, die Geräte als alltägliches Arbeitsinstrument zu etablieren. Es gibt auch eine Anzahl Schüler/-innen, die systematisch elektronische Heftnotizen erstellen. Damit konnte man nicht unbedingt rechnen, da es sich doch um eine einschneidende Veränderung von Gewohnheiten handelt. Besonders eindrücklich ist die Rückmeldung, dass die Schüler/-innen einen souveräneren Umgang mit den Computern gelernt haben. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Studierfähigkeit von Bedeutung. Von den Eltern wird das Projekt grossmehrheitlich unterstützt. Fundamentale Opposition von dieser Seite hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben.

Die bedeutsamste offene Frage ist das Problem der Ablenkung durch die Möglichkeiten der Geräte. Die Versuchung, während des Unterrichts zu ‘gamen’, zu chatten, zu surfen, E-Mails zu checken etc., ist nicht von der Hand zu weisen. Hier wird sich eine angemessene Kultur der Selbststeuerung und der wirksamen Klassenführung entwickeln müssen. Dafür ist ein regelmässiger pädagogischer Austausch zwischen Lehrpersonen wichtig. Patentrezepte gibt es (noch) keine.

Noch nicht ganz befriedigend ist das Angebot an Schulungen für die Schüler/-innen. Eine Herausforderung ist die Heterogenität der Bedürfnisse und Interessen bzw. die unterschiedliche Wahrnehmung der Nützlichkeit von Geräten im Unterricht. Es hat sich aber auch gezeigt, dass eine systematische Kontrolle der Installationen und Geräteeinstellungen nötig ist, da sonst Probleme auftreten können, deren Lösung zeitraubend ist. Der klasseninterne Wissenstransfer funktioniert nur bedingt. Es muss daher sichergestellt werden, dass alle Schüler/-innen die Grundoperation auf dem Gerät einwandfrei beherrschen. Dies könnte z.B. durch eine Lernwerkstatt mit Prüfsequenzen sichergestellt werden.

In Anbetracht der Ergebnisse der ersten Evaluation kann festgestellt werden, dass das BYOD-Konzept der Kantonsschule Alpenquai grundsätzlich funktioniert. Die Wahl des Gerätetypus (Touch-Screen mit Stift und Tastatur) hat sich bewährt. Erfolgsentscheidend ist, dass die nötige Dichte bezüglich des Einsatzes der Geräte erreicht wird, d.h., dass genügend Lehrpersonen die Geräte einsetzen müssen und entsprechend geschult werden. Es empfiehlt sich somit, den Weg in überschaubaren Schritten weiterzugehen. Dabei ist der Intensität des Einsatzes gegenüber einer möglichst schnellen Verbreiterung der BYOD-Strategie der Vorzug zu geben.

11. April 2017